Was man so findet

Hier mal ein anderes Zitat aus dem Kapitel: “Die alte Republik und die neue Monarchie”, das uns mehr als alles andere verdeutlicht, dass sich Geschichte eben doch wiederholen kann –

” Aber keine Gattung des Luxus blühte so wie die roheste von allen, der Luxus der Tafel. Die ganze Villeneinrichtung und das ganze Villenleben lief schließlich hinaus auf das Dinieren; man hatte nicht bloß verschiedene Tafelzimmer für Winter und Sommer, sondern auch in der Bildergalerie, in der Obstkammer, im Vogelhaus wurde serviert oder auf einer im Wildpark aufgeschlagenen Estrade, um welche dann, wenn der bestellte ›Orpheus‹ im Theaterkostüm erschien und Tusch blies, die dazu abgerichteten Rehe und Wildschweine sich drängten. So ward für Dekoration gesorgt, aber die Realität darüber durchaus nicht vergessen. Nicht bloß der Koch war ein graduierter Gastronom, sondern oft machte der Herr selbst den Lehrmeister seiner Köche. Längst war der Braten durch Seefische und Austern in den Schatten gestellt; jetzt waren die italischen Flußfische völlig von der guten Tafel verbannt und galten die italischen Delikatessen und die italischen Weine fast für gemein. Es wurden jetzt schon bei Volksfesten außer dem italischen Falerner drei Sorten ausländischen Weines – Sicilianer, Lesbier, Chier – verteilt, während ein Menschenalter zuvor es auch bei großen Schmäusen genügt hatte einmal griechischen Wein herumzugeben; in dem Keller des Redners Hortensius fand sich ein Lager von 10000 Krügen (zu 33 Berl. Quart) fremden Weines. Es war kein Wunder, daß die italischenWeinbauer anfingen über die Konkurrenz der griechischen Inselweine zu klagen. Kein Naturforscher kann eifriger die Länder und Meere nach neuen Tieren und Pflanzen durchsuchen als es von den Eß künstlern jener Zeit wegen neuer Küchenelegantien geschah. Wenn dann der Gast, um den Folgen der ihm vorgesetzten Mannigfaltigkeiten zu entgehen, nach der Mahlzeit ein Vomitiv nahm, so fiel dies niemand mehr auf. Die Debauche aller Art ward so systematisch und so schwerfällig, daß sie ihre Professoren fand, die davon lebten vornehmen Jünglingen theoretisch und praktisch als Lastermeister zu dienen. Es wird nicht nötig sein bei diesem wüsten Gemälde eintönigster Mannigfaltigkeit noch länger zu verweilen; um so weniger als ja auch auf diesem Gebiet die Römer nichts weniger als originell waren und sich darauf beschränkten von dem hellenisch-orientalischen Luxus eine noch maß- und noch geistlosere Kopie zu liefern…so gleicht auch das Italien der Ciceronischen Epoche wesentlich dem Hellas des Polybios und bestimmter noch dem Karthago der Hannibalischen Zeit, wo in ganz ähnlicher Weise das allmächtig regierende Kapital den Mittelstand zu Grunde gerichtet…”

Kommt einem bekannt vor nicht wahr, man braucht bloß den Fernseher einzuschalten und eine der vielen Kochsendungen auswählen und schon fühlt man sich zurückversetzt in jene Zeit der, wie Mommsen sie nennt “Esskünstler”.

Die Gefahr, die von dieser politischen und gesellschaftlichen Verrohung ausgeht ist ja nicht die, der allgemeinen Übergewichtigkeit, der schwindenden Volksgesundheit, des korrumpierten Politikbetriebes oder unanständigen Geld- und Wohlstandsvermehrung des sogenannten Geldadels, es ist vielmehr die Gefahr des politischen Extremismus, das Heraufbeschwören einer Diktatur. Nicht erst seit gestern hören wir die Stimmen, die nach einem starken Mann rufen, nach einer starken Persönlichkeit, die all die Missstände mit einem Handstreich beseitigt. Und war die Wahl Obamas nicht auch so ein Wunsch, geleitet von der Illusion, da ist einer, der wird es schon regeln? Hat nicht geklappt, noch nicht muss man dazu sagen, aber wir können sicher sein, dass derjenige, der wie dazumal Cäsar die Geschicke der Weltmacht an sich reißen und zum Besseren oder zum Schlechteren ändern wird, bereits geboren ist.