Hier mal ein Artikel, den ich vor langer Zeit bei der Betrachtung des Milford Sounds in Neusseland geschrieben habe:

Die Sonne fällt schräg durch eine weiße Wolkenwatte und tupft glitzernde Flecken auf die Wasseroberfläche. Die Felsen des Mitre Peak sind oben auf der Spitze noch schneebedeckt. Wie feine, weiße Adern zieht sich das nun sichtbare Weiß an der rissigen Haut des Berges hinab und mündet im grünen Teppich des Regenwaldes, an dessen Fuß der Sound unbeweglich, dunkel und geheimnisvoll schimmert. Piopiotahi heißt der Milford Sound in der Sprache der Maori. Nach der Legende geschaffen durch den Gott Tu Te Raki Whanoa, deutet das Naturmonument tatsächlich auf göttlichen Anbeginn.
Im Westen, über der Tasmanischen See, ballen sich erneut Wolken, drohen, und dann, in Minuten, ist plötzlich alles wieder Wasser. Der feine Regen, der sich in kleinen, glitzernden Tropfen in den Zweigen der Beech Trees niederschlägt, die Wasserfälle, die tosend und donnernd in die Täler fallen, die tief eingeschnittenen Fjorde, aus denen Felsen dunkel und wolkenumhüllt, schroff und nass aufragen und all die gurgelnden Bäche, die ihre Wege immer neu wählen.
An Regentagen schwellen die Wasserfälle zu gigantischen Säulen an, die sich zu Hunderten machtvoll in die Fjorde ergießen. In einer Gegend, in der der Niederschlag nicht in Millimetern gemessen wird, sondern in Metern (7 Meter Niederschläge im Jahresdurchschnitt), ist es nicht ganz so einfach, in einem Urlaub einen Sonnentag zu finden. Die beste Chance, schönes Wetter zu erwischen, hat der Besucher im Winter, denn der Juli ist der trockenste Monat hier im Fjordland.

Im Südwesten der Südinsel Neuseelands gelegen, ist es der Regenfänger für das Inland und gewährleistet damit ein Naturschauspiel ganz besonderer Art. Gletscher haben tiefe Einschnitte in die nun mit Urwald bewachsenen Berge der Küste gefräst, Verbindungen zur Tasmanischen See geschaffen und so ein landschaftliches Szenario von atemberaubender Schönheit kreiert.
In den Winter-, Herbst- und Frühlingsmonaten heben sich die hohen Bergspitzen hinter Wolkenschleiern weiß von den grünen Matten des Regenwaldes und den tiefen, dunklen Wassern der Fjorde ab. Gewächse, deren Namen unseren Ohren unvertraut und fremd sind wie ihr Aussehen, gedeihen hier: Rimu- und Totara-Bäume, Silver und Mountain Beeches, Silver Fern (neben dem Kiwi das Nationalsymbol der Neuseeländer) und Old Man’s Beart, eine Waldrebe, um nur einige zu nennen.
Es gibt verschiedene Wege, sich das Gebiet anzusehen. Man kann das Ganze aus der Luft per Hubschrauber oder Flugzeug betrachten, kann mit einem Bus zum Milford Sound fahren und von dort aus mit dem Boot an steilen Urwaldhängen entlang gleiten und sich zu einem Tee oder Lunch die Geschichte des Sounds erklären lassen. Oder man kann einen der Tracks wandern, sich mit einem der erfahrenen Führer auf eine Wanderung durch tiefe Regenwaldschluchten, hohe, steile Berge, an Flüssen entlang und unter tosenden Wasserfällen hindurch begeben.
Der Milford Track, wohl die bekannteste und bedeutendste Wanderroute, nimmt drei Tage in Anspruch und der Wanderer tut gut daran, sich ausreichend mit Insekten abweisenden Mitteln einzudecken, denn in den Wäldern warten die Sandflies auf warmblütige Zweibeiner.
Man kann wählen zwischen der Möglichkeit, seinen Proviant und sein Gepäck selber zu tragen oder all die Sachen, die man für die drei Tage braucht, zu den Hütten bringen zu lassen – alles nur eine Frage des Preises. Die Wanderung führt an den Sutherland Falls vorbei, einem der höchsten Wasserfälle der Welt. Er ist der natürliche Überlauf des Lake Quill, hoch über dem Arthur Valley gelegen und stürzt über 580 Meter tief in das darunter liegende Tal.
Die beste Sicht auf den Wasserfall hat man allerdings aus der Luft. Es werden Helikopterflüge angeboten, die sogar am Rande des Sees, also am Überlauf, landen und die Möglichkeit bieten, sich das Naturspektakel ganz aus der Nähe anzusehen.

Verfügt man über einen Leihwagen, kann man von Te Anau selbst über den Pass zum Milford Sound fahren. Er ist der einzige Fjord, der mit dem Wagen erreicht werden kann. Allein die Anreise ist ein Erlebnis, denn man folgt alten Handelswegen der Maori, die vor fünfhundert Jahren Jade aus den Bergen des Fjordlands zur Nordinsel brachten. Die Straße und der Pass sind gut ausgebaut, jedoch im Winter an manchen Tagen nur mit Schneeketten zu passieren oder ganz gesperrt.
Von den vier großen Naturschutzgebieten der Südinsel Neuseelands , Westland, Mount Cook und Mount Aspiring, ist das Fjordland das größte und macht etwa die Hälfte der 2,6 Millionen Hektar zum neuseeländischen Naturerbe erklärten Fläche aus. Die beste Reisezeit ist der Frühling (Ende August bis Ende November) oder der Herbst (Anfang April bis Ende Mai). Aber selbst in den Saisontagen des Dezember und Januar bis in den frühen Februar hält sich der Andrang auf das Gebiet in Grenzen und ist mit dem auf europäische Sehenswürdigkeiten überhaupt nicht zu vergleichen.
Wenn Wolken über den riesigen Wassermassen der Fjorde aufsteigen, sich ballen, ineinander schieben, im nächsten Augenblick zerreißen und zwischen heftigen Schauern immer wieder die Sonne durchlassen; wenn Nebelschwaden wieder zu neuen Wolken werden, sich zunächst an den Berghängen ablegen, dann wieder höher steigen, um den Kreislauf erneut zu schließen, dann erlebt der Besucher die Schöpfung der Natur aus sich selbst.